Bericht Orgelexkursion 2026
Orgelexkursion 2026 nach Ostfriesland
Der Reiseverlauf ins Ostfriesische stand fest, und die Koffer waren fast schon gepackt, als bei Wolfgang Mikisch die Absage einer Kirchengemeinde wegen einer Orgelsanierung eintraf.
Aber wer Wolfgang kennt, der weiß, dass in kürzester Zeit eine Alternative gefunden ist. Und so war es auch in diesem Fall. Auf dem Programm standen 6 Dorfkirchen, die es im wahrsten Sinne des Wortes „in sich“ hatten.
Also geht für die 35 Orgelinteressierten am Sonnabend die Fahrt mit dem Bus der Firma Andreßen beinahe pünktlich in Neumünster los. Bei Sonnenschein überqueren wir die Elbe mit der Fähre von Glückstadt nach Wischhafen,
und überpünktlich kommen wir am ersten Treffpunkt in der Dorfkirche St. Nicolai in Altenbruch (Cuxhaven) an.
Dorfkirche? Ja. Ja – aber! Wir betreten eine Kirche, die neben Doppeltürmen auch noch einen wuchtigen holzverkleideten Glockenturm aufweist. Drinnen eine lange, hell gestrichene Kirchenhalle, in der besonders die Emporen (für männliche Gottesdienstbesucher!) und zehn großformatige Gemälde auffallen.
Auf dem Weg zum Flügelaltar (1520) erkennt man die Beichtkammer und die aus dunklem Holz errichtete kastenförmige Kanzel.
Vis-à-vis befindet sich die auf solide Stützen gebaute Orgel (Ende des 15. Jh.), die im Laufe der Jahrhunderte mehrfach ausgebaut und erweitert wurde. Die heutige Form entstammt den Plänen des Arp-Schnitger-Schülers J. H. Klapmeyer. Der alte Pfeifenbestand (ca. 2.100 an der Zahl) wurde dabei erhalten. Die Orgel zählt zu den ältesten nördlich der Alpen.
Nur einen Katzensprung von St. Nicolai entfernt, gelangen wir zu St. Jacobi in Lüdungworth (Cuxhaven). Beide Kirchen gehören in die Liste der Bauerndome im Land Hadeln. Die Saalkirche St. Jacobi wurde um 1200 errichtet. Die prächtig bemalte Holzbalkendecke kam gegen Ende des 16. Jh. hinzu. Zur auffälligen Innenausstattung gehören der Lüderskooper Altar, die Kanzel (frühes 17. Jh.) sowie einige Epitaphien.
Unser Focus ruht natürlich auf der Arp-Schnitger-Orgel (1683). Im Zuge einer vollständigen Restaurierung stellte der Orgelbauer J. Ahrend 1982 den Orgelzustand von 1683 wieder her. Das Instrument gilt als das mit dem größten Registerbestand der Renaissance in Deutschland.
Nach einem gemeinsamen Mittagessen „gleich um die Ecke“ geht die Busreise weiter zur St. Laurentiuskirche in Loxstedt-Dedesdorf, eine im 13. Jh. errichtete backsteingotische Saalkirche, die jedoch im 19. Jh. starken baulichen Veränderungen unterzogen wurde. Statt eines mittelalterlichen Turmes erhielt St. Laurentius 1870 einen neugotischen Turm. Auch in dieser Kirche wurden Emporen eingebaut mit vielen Szenen aus dem Alten und Neuen Testament.
Die Orgel hier ist ebenfalls ein Meisterwerk Arp Schnitgers mit zwei Manualen und zwölf Registern, gebaut im Jahr 1698. Sie ist die klanglich am besten erhaltene reine Schnitger-Orgel mit den am besten bewahrten Manualklaviaturen aus der Hamburger Werkstatt.
Die Nacht verbringen wir in einem Hotel in Jever, in dem die persönlichen Erlebnisse bei einem Glas herben Pilses oder süßen Weines ausgetauscht werden.
Am Sonntag machen wir uns dann auf den Weg zur Kirche St. Bartholomäus in Dornum-Resterhafe, wo wir vom Geläut aus dem massiven Glockenturm begrüßt werden. Die Einraumkirche, auf einer Warft gebaut, entstammt dem Ende des 13. Jh. und ist mit Kanzel, dem Hochaltar und den Emporen für die Mitglieder der höheren Stände prachtvoll ausgestattet. Wir nehmen an einem Taufgottesdienst teil, und die Mitglieder des Bachchores tragen das Ihre zur musikalischen Ergänzung bei.
Die 1710 von dem Arp-Schnitger-Schüler Gerhard von Holy gebaute Orgel gilt mit ihren 32 Registern und 1770 Pfeifen als die zweitgrößte historische Orgel Ostfrieslands und wird als „Instrument von Europäischer Bedeutung“ angesehen.
Nach diesem Besuch macht sich während der Weiterfahrt deutliche Begeisterung über das Erlebte breit. Bei der Ankunft am Rande des Rundwarftendorfes Rysum (ausgesprochen mit einem langen „i“!), das mit 18 weiteren Dörfern zur Gemeinde Krummhörn gehört, befinden wir uns inmitten einer Region, die für eine extreme Dichte an Dorfkirchen bekannt ist. Da der Bus keine Chance hat, weiter in den Ort hineinzugelangen, machen wir uns auf einen kurzen Fußweg zur Evangelisch-reformierten Kirche in Rysum. Sie liegt auf der höchsten Stelle der Warft und geht auf einen Turmbau des 12. Jh. zurück. Die Innenausstattung ist sehr einfach, durchaus sehr evangelisch). Ausschmückungen sind kaum vorhanden.
Pastor Frederik Koßmann lässt es sich nicht nehmen, uns in farbenreichen Bildern die Geschichte der Kirche, ihre Abhängigkeiten von den örtlichen und regionalen friesischen Häuptlingen und die „Machenschaften“ beim Geldverdienen näherzubringen.
Die Orgel ist ein Instrument aus der Mitte des 15. Jh. und war lange von einer in halber Höhe eingezogenen Saaldecke verdeckt. Als man sie bei Umbauarbeiten vorfindet, erkennt man ihren unschätzbaren Wert. Inzwischen gilt sie als das älteste in seinem Pfeifenbestand weitgehend erhaltene Instrument dieser Art in Norddeutschland und als eine der ältesten spielbaren Orgeln der Welt. Durch unseren Organisten Dr. Karsten Lüdtke bekommen wir einen umfassenden Eindruck von dem sehr beeindruckenden Klang dieser Orgel.
Den Abschluss der Orgelreise bildet die Kirche St. Georg in Weener im ostfriesischen Rheiderland an der „Europäischen Orgelstraße“. Auch sie liegt auf dem höchsten Punkt der Stadt, umgeben von einer schützenden Baumgruppe. Das ursprünglich romanische Langhaus wurde zu Ende des 19. Jh. durch ein Querschiff ergänzt. Romanische Bauelemente wurden durch gotische ersetzt.
Die Orgel wurde von Arp Schnitger 1710 in der Endphase seines Schaffens gebaut. Mit ihren 37 Registern war diese Orgel die drittgrößte Ostfrieslands. 1782 wurden die geschwungenen Pedaltürme hinzugefügt. Die mehrfach umgebaute Orgel verfügt heute über 29 Register mit zwei Manualen und Pedal.
Vor der nun anstehenden Rückreise nach Neumünster gibt es die Gelegenheit, bei ostfriesischem Flair die hausgemachten Torten in der Teescheune Mühle Wichers in Weener zu genießen. Die Mühle ist nach Jahrhunderten noch immer in Betrieb.
Dank der sehr umsichtigen Fahrweise unseres Busfahrers kommen wir sicher und pünktlich gegen 21 Uhr in Neumünster an.
Für Wolfgang Mikisch ist dies seine letzte Fahrt als Reiseorganisator. Für seine außerordentlich abwechslungsreichen Orgelexkursionen gebührt ihm große Anerkennung und Dank, die mit einem herzlichen Applaus zum Ausdruck gebracht werden.
Dieter Nave